Ein Blick über den Tellerrand

 

Deutschlehrer aus Russland besuchen Regionalschule Altenholz / Regelmäßiger Austausch wird nicht möglich sein

4. Mai 2011 | 04:10 Uhr | Von Judith Pape

Rektor Thomas Haß (hinten: 4. v.l.) freute sich, die russischen Kollegen und Kolleginnen in der Regionalschule Altenholz begrüßen zu dürfen.

 Foto: Pape

 

"Das deutsche und das rus-sische Schulsystem haben mehr miteinander gemeinsam, als erwartet." Zu diesem Schluss kamen Rektor Thomas Haß und die 16 russischen Deutschlehrer am Ende ihres gestrigen Besuchs in der Altenholzer Regional-schule. Im Rahmen der "Ostseebrücke", eines einwö-chigen Aufenthalts, wollten die Pädagogen aus der Region um Kaliningrad den noch relativ jungen Schultyp "Regionalschule" und seinen Unterrichtsalltag näher ken-nenlernen.

Neben der Teilnahme an einer Englisch-Unterrichtsstunde stand ein Gespräch zwischen den deutschen und russischen Kollegen auf dem Plan. Dabei erfuhren der Altenholzer Rektor und Teile seines Kollegiums, dass die PISA-Studie auch in Russland enorme Umbrüche im Schulsystem bewirkt hat. "Wir kommen aus den Reformen gar nicht mehr raus", berichtete Ludmila Gulajewa, die in Tilsit Deutsch unterrichtet. Zwei Fremdsprachen sind für die Schüler obligatorisch, ähnlich wie in Deutschland ist auch in Russland Englisch dabei die beliebteste Fremdsprache, gefolgt von Deutsch. Nach der neunten Klasse legen die russischen Schüler Prüfungen ab, deren Noten über die weitere Schullaufbahn entscheiden. Anders als in Deutschland gibt es in Russland insgesamt nur elf Schuljahre. Ein umfassendes System aus nationalen Wettbewerben gewährt Schülern die Möglichkeit, sich über den Unterricht hinaus zu engagieren und zu qualifizieren.

Einen der größten Unterschiede machten die russischen Lehrer in der Klassenstärke aus. Seit zwei Jahren werden die Pädagogen in Russland zwar nach Schüleranzahl bezahlt, trotzdem beneideten sie ihre deutschen Kollegen um ihre "Riesenklassen" mit bis zu 30 Schülern keineswegs. Insbesondere im Fremdsprachenunterricht sind zwölf bis 15 Schüler in Russland die Regel. "Davon können wir hier nur träumen", räumte Thomas Haß ein. Der Rektor freute sich die interessierten Kollegen aus Kaliningrad und Umgebung in seiner Schule begrüßen zu können: "Es tut immer gut über den Tellerrand hinauszublicken und Einblicke in den Schulalltag anderer Kulturen zu bekommen". Für eine Schulpartnerschaft, an der die russischen Besucher großes Interesse zeigten, sieht er dennoch keine Möglichkeit: "Wir haben mit unserem Frankreichaustausch und der Studienfahrt nach England schon alle Hände voll zu tun und bieten leider auch kein Russisch als Fremdsprache an". Die Teilnehmer der "Ostseebrücke" nahmen dies nicht übel und bedankten sich für neue Einblicke und die große Offenheit des Altenholzer Kollegiums und seiner Schüler.

Organisiert hatte den Besuch der Kieler Verein "Ostseebrücke", der seit fast 20 Jahren den kulturellen Austausch zwischen Russland und Deutschland unterstützt. Insbesondere die Region Kaliningrad wird dabei durch ein Deutschunterrichtsangebot an Schulen und Institutionen gefördert. Seit rund zehn Jahren gehört der alljährliche Besuch von Deutschlehrern und Dozenten in Norddeutschland dabei zum festen Programm.