16. März 2013 | 04:20 Uhr | Von Susanne Meise

Kleine Spiele mit großer Wirkung

 

 

Stau: Bei Schulsozialarbeiter Jan Kubitz laufen mehrere Gegenstände auf, die es weiterzugeben gilt - Stress soll dabei nicht aufkommen.

Len Histon aus Perth in Australien weckt die intuitiven Fähigkeiten von Kindern und Erwachsenen mit verschiedenen Spielen. Hier war das Gehör gefragt.                       Fotos: Meise

 

Australier Len Histon besucht Schulen. Wizzdom Game weckt die intuitiven Fähigkeiten. Workshops für Interessierte werden angeboten.

Altenholz. Spannung liegt in der Luft: Die 18 Mädchen und Jungen der Regionalschule sitzen mit ihren Lehrerinnen Tanja Albers und Birgit Noak im Medienraum des Gymnasiums und warten darauf, dass Len Histon in Aktion tritt. Der Australier hat das von ihm entwickelte Wizzdom Game dabei - eine Sammlung von 32 Spielen, die die intuitiven Fähigkeiten eines jeden Mitspielers ansprechen und ihn mit jedem Mal, das er spielt, stärken.

Welche der 32 Aktionen, die auf einer blauen Scheibe vermerkt sind, ansteht, wird durch Drehen des Zeigers entschieden. Als erstes heißt es "Chalk and Cheese" für die Regionalschüler (Kreide und Käse). Dabei werden Gegenstände als Synonyme für gewählte Begriffe von einem zum anderen weitergereicht. Nach und nach wurden es immer mehr Gegenstände, die die Runde machten - und es kam zum Stau. Das war jedoch kein Grund zu Panik, sondern mit viel Freude und Gelächter verbunden. Denn Len Histon hatte die Mädchen und Jungen darauf eingeschworen, dass es nicht um Gewinnen oder Verlieren geht, sondern darum, Spaß zu haben. Lernten die Kinder hier, sich nicht stressen zu lassen, war in der nächsten Runde beim Erraten von Geräuschen Stille und gutes Gehör gefragt, danach beim Suchen eines versteckten Gegenstands ein guter Spürsinn. Mit verbundenen Augen sollten sie schließlich einen vorher festgelegten Punkt im Raum erreichen und mussten feststellen, dass das leichter zu zweit als allein geht.

Entwickelt hat Histon die Spiele vor mehr als 20 Jahren und merkte, wie sich durch sie das Verhältnis zu seinen drei Kindern positiv veränderte. Heute hat der 58-Jährige fünf Enkel und seine Ideen an 150 Schulen in seinem Heimatland getragen, die zu begeisterten Anwendern des Wizzdom-Game (Wisdom = Weisheit, Wizard = Zauberer, Genie) geworden sind. Astrid Witt, Lehrerin am Gymnasium und Initiatorin der Internetplattform "What the experts know on learning and education", ist auf Histon aufmerksam geworden und ihn nach Altenholz geholt. "Es hat mich begeistert, welche Veränderung sich durch die Spiele bei den Kindern dokumentieren lassen", erklärte Witt, die ständig auf der Suche nach Wegen ist, um Kinder zu sich selbst finden zu lassen. Werde das Wizzdom Game regelmäßig gespielt, höre das Mobbing auf, die Kooperationsbereitschaft werde größer, die Schulnoten besser, hat die Lehrerin beobachtet. Doch nicht nur in der Schule, auch in der Familie würden die Veränderungen positiv spürbar. So schrieb eine Mutter, die einen Workshop bei Histon und Witt am Institut für Qualitätsentwicklung an Schulen in Kiel besuchte: "Len hat mit seiner unfassbar gelassenen Art mein Herz erreicht. Der Workshop wird in diesem Jahr eines der wichtigsten von mir erlebten Dinge sein. Die Spiele haben wir mit meinen beiden Kindern und meinem Mann gespielt. Es war fast unmöglich ein Ende zu finden. Schon nach dieser Stunde war eine positive Änderung in unserer Familienatmosphäre zu spüren."

Begeisterung ist auch bei Witts Kollegen zu spüren, die Len Histon in den vergangenen Tagen erlebt haben. "Ich kannte das nicht und war neugierig", sagt Christine Stender, Lehrerin für Englisch, Wirtschaft-Politik und Musik. "Diese Art von Pädagogik kommt viel zu kurz. Es ist nicht einfach nur ein Spiel, sondern ein Weg, etwas über die Gruppe zu erkennen. Und es lässt sich in allen Klassenstufen einsetzen von der Orientierungs- bis zur Oberstufe", zieht Stender Bilanz, die künftig eine Unterrichtsstunde pro Woche dafür nutzen möchte.

Nicht nur in Schulen kommt das Wizzdom Game zum Einsatz - auch Unternehmen und Organisationen haben die Spielesammlung zur Stärkung ihrer Mitarbeiter entdeckt. Gestern noch in Altenholz bringt Len Histon seine Idee heute Erwachsenen in Ungarn näher, weitere Termine in Norwegen und Holland folgen in den nächsten Tagen. Am ersten Aprilwochenende macht der Australier noch einmal Station in Altenholz und bietet am 6. und 7. April (9-18 Uhr) Workshops an. Wer dabei sein möchte, meldet sich bei Astrid Witt (info@thewizzdomgame.de) an.