Donnerstag, 24. Juni 2010

 

„Die Stunde ist immer zu kurz für uns“: Lesepate Heinz Kreutzfeldt kümmert sich um sein Schulpatenkind aus der fünften Klasse.

Foto Paesler

Angst vor Büchern verloren

Regionalschule Altenholz macht gute Erfahrungen mit Lesestunde und Paten

Von Heike Stüben

 

Der Elfjährige sitzt mitten im Klassenraum und ist doch ganz weit weg. Hockt eingesperrt im Tischlerschuppen von Lönneberga und sitzt mit Michel seine Strafe ab. Versinken in ein Buch – das ist die Lesestunde. Jeden Mittwoch findet sie in der Regionalschule Altenholz in den fünften Klassen und ab August auch in den folgenden Klassen statt. Eine Reaktion auf die PISA-Ergebnisse.

Den Deutschlehrkräften in Altenholz war klar, dass Leseförderung eine Daueraufgabe von der ersten Klasse an ist und nicht nach der Grundschule aufhören darf. Da kam es wie gerufen, dass das Institut für Qualitätsentwicklung an Schulen Schleswig-Holstein (IQSH) das Projekt „Niemanden zurücklassen – lesen macht stark“ auflegte. Unter anderem acht Lehrer-wochenstunden bringt die Teilnahme an dem Projekt der Regionalschule Altenholz ein. Damit wurde 2008 erst einmal in allen fünften Klassen eine wöchentliche Lesestunde eingeführt, in der jedes Kind lesen darf, was es möchte. Selbst das war kein Selbstgänger.

 

 

„Nicht jedes Kind wusste, welche Bücher es mag, einfach weil sie kaum Bücher kennen, die Eltern oft nicht lesen. Deshalb reichte die Aufforderung, das Lieblingsbuch mit in die Lesestunde zu bringen, oft nicht aus“, erklärt Deutschlehrer Christian Abelmann-Brockmann, der die Lesestunde organisiert. Also wurden Bücherkisten angeschafft. Daraus kann sich jedes Kind ein Buch auswählen. „Emil in Lönneberga lese ich schon zum zweiten Mal. Ich bin auf Seite 321“, erzählt der Elfjährige stolz und einen Augenblick später ist er schon wieder in Lönneberga, während das Mädchen zur Rechten im Sachbuch über den Menschen liest und sich der Junge zur Linken in „Wicki  und die starken Männer“ vertieft. Wie er die Lesestunde findet? „Es ist immer so schön ruhig hier. Und Lesen ist ansteckend.“

Doch die Lesestunde, so stellte sich schnell heraus, reichte nicht aus. Gerade für die leseschwachen Kinder war eine individuelle Förderung notwendig. Die Schule bat in einer Anzeige Bürger, diese Aufgabe ehrenamtlich als Lesepaten zu übernehmen – und war über das Echo erstaunt. „Auf Anhieb meldeten sich 25 Männer und Frauen aus der Gemeinde“, sagt Schulleiter Thomas Haß, „zurzeit kümmern sich zehn von ihnen um die leseschwächsten Schüler. Mehr schaffen wir raummäßig im Moment nicht.“

Und so sitzt zum Beispiel Heinz Kreutzfeldt mit seinem Schützling in einem Bibliotheksraum, und der Elfjährige blättert eifrig im Lexikon. In dem Krimi, den die beiden gerade lesen, ist nämlich von der Fibonnaci-Folge die Rede, aber was ist das? Es braucht etwas Zeit, ehe Augen und Finger den richtigen Eintrag gefunden haben: „Die Fibonnacizahlen sind eine unendliche Zahlenfolge, wobei sich eine Zahl aus der Addition der beiden vorhergehenden ergibt.“  Der Junge überlegt – und hat die Lösung des Krimis. „Die Stunde ist uns immer zu knapp. Wir reden ja auch viel über Persönliches“, sagt Kreutzfeldt, der sich aufgrund der PISA-Ergebnisse für dieses Ehrenamt entschieden hat. Andere Paten haben erlebt, dass hinter der Leseschwäche ein ganz anderes Problem steckt. Diese persönliche Beziehung, das Gefühl, im Mittelpunkt zu stehen ist es, was die Kinder diese Stunde als Privileg und nicht als Nachhilfe empfinden lässt. „Meine Patin ist nur für mich da“, sagt ein Mädchen.

Lesepaten können zwar nicht hexen. „Aber“, so sagt Lehrerin Andrea Rathey, „die Kinder gehen offener mit Gedrucktem um. Sie sind nicht mehr auf der Flucht vor Texten.“ Nicht nur Rathey hofft deshalb, dass die Lesestunde dauerhaft gefördert wird.